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Wie viel Versammlung braucht ein Pferd
November 14, 2007, 8:00
Gespeichert unter: Pferdeausbildung

Wie viel Versammlung braucht ein Pferd

Um eine Piaffe oder Pirouette korrekt zu reiten, bedarf es beim Pferd ein Höchstmaß an Geschlossenheit, Körperspannung und Kraftkonzentration — Versammlung eben.

Aber wie viel Versammlung ist notwendig, um ein Pferd zu einem lange Gesundbleiben dem Reitpferd zu machen? Dieser Frage stellten sich auch die alten Reitmeister, die mit ihrem Kavalleriewissen die heutige Lehre begründet haben und alltägliche und besondere Probleme aus manch anderem Blickwinkel betrachteten.

Wenn zwei Reiter von Versammlung sprechen, müssen sie nicht das gleiche meinen. Während sie für alle Dressuraufgaben der Klasse L und höher ein Muss ist, gehört sie nicht zu den obersten Trainingszielen jedes Freizeitreiters.

Doch was ist Versammlung überhaupt? Und wie viel ist für jedes Reitpferd nötig?

Die verschiedenen Disziplinen im Pferdesport erfordern nicht nur die Berücksichtigung besonders geeigneter Erbeigenschaften im Rahmen der Zucht, sondern auch eine jeweils maßgeschneiderte Ausbildung. So gibt es entsprechende Unterschiede zwischen einem Dressur-, Spring und Vielseitigkeitspferd oder dem früheren militärischen Gebrauchspferd. Waren beim Kavalleriepferd des 19. Jahrhunderts noch Manövrierfähigkeit und absoluter Gehorsam entscheidend, zählte beim Gebrauchspferd des 20. Jahrhunderts vor allem „schwierigste Hindernisse und eben- solches Gelände alleine zu überwinden.“ Das forderte Adolf Voigt, Reitlehrer an der Kavallerieschule Hannover und befürwortete eine Reduktion des bisher üblichen Maßes an Dressurausbildung zugunsten mehr praktischer Ausbildung im Gelände.

Seine Argumente: Erstens führen oft falsch vermittelte Dressuranforderungen zu „armen, zerbrochenen Geschöpfen, die Reitkunst Alter Meister, Teil’s im Gelände versagen und oft stürzen.“ Zweitens habe die künstliche Zurückverlegung des Körperschwerpunktes eine vermehrte Belastung der Hinterhand zur Folge — weniger und nicht mehr Schubwirkung stehe zur Verfügung.

Härtester Gegner Voigts war Kavalleriegeneral Sigmund von Josipovich:

„Schlechte Dressur“ sei nicht gleichzusetzen mit „höherer Dressur“, „Biegearbeit“ unerlässlich für Gleichgewicht und Selbsthaltung. „. ..Gleichgewicht und Gehorsam sind die unerlässlichen Grundlagen, auf denen sich Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Reitpferdes aufbauen — mag dieses nun Schul-, Jagd- oder Soldatenpferd werden.

Einem Pferd ohne Gleichgewicht fehlt vor allem Selbsthaltung, dies aber beeinträchtigt die Ausdauer und die Durchlässigkeit und nimmt dem Pferd die Fähigkeit, schwierigste Hindernisse und ebensolches Gelände zu überwinden. Beides fest zu begründen ist daher die Hauptaufgabe der Dressur.“ Mittelsmann zwischen beiden war Oberst a.D. v. Heydebreck, der das Vorwort zu Voigts Streit-chrift „Das Gebrauchspferd“ verfasste und selbst maßgebend an der Abfassung der deutschen Reitvorschrift 1912 (H.Dv.12) und der Reitvorschrift 1912, Ausgabe 1926, die noch heute Basis der gültigen Reitlehre sind, beteiligt war. Von Heydebreck stimmt einerseits seinem Freund Voigt anerkennend zu, dass „höhere Dressur für die Leistungen eines Gebrauchspferdes im Gelände nicht ausschlaggebend ist.“ Andererseits bestätigt er Josipovichs Überzeugung, dass die natürliche Selbsthaltung Grundlage und Voraussetzung für die ganze Ausbildung sei. Erst durch anschließende, darauf auf bauende versammelnde Lektionen könne das Pferd „wendsamer und durchlässiger“ gemacht werden.

Was ist Versammlung?

Alle drei Grundgangarten gibt es im Arbeits-, versammelten, mittleren und starkem Tempo. Bei der Versammlung haben Schritt, Trab und Galopp folgende Punkte gemeinsam:

- das Pferd beugt seine Hinterhand stärker in den Hanken, setzt sie weit nach vorne unter den Schwerpunkt des Körpers und nimmt vermehrt Gewicht auf. So kommt es zu einer Entlastung der Vorhand.

- die sichtbare, relative Aufrichtung der beigezäumten Kopf-Hals-Partie, wobei der Hals sich in der Länge nicht verkürzen sondern eben aufrichten sollte.

- die entlasteten Vorderbeine können mehr Aktion nach vorne-oben entwickeln.

Im Seitenbild wirkt das Pferd verkürzt, es scheint bergauf zulaufen. Die Bewegungen erscheinen etwas verlangsamt, Gleichmaß, Schwung und Fleiß bleiben jedoch voll erhalten. Im Schritt bleibt das Pferd im Viertakt ohne dass die Hinterbeine über den Abdruck der Vorderhufe fußen. Im Trab darf das Pferd nicht eiliger werden und die Hinterbeine nachschleppen, das energische Gleichmaß und der klare Zweitakt müssen erhalten bleiben. Mängel im Galopp sind schleppender Dreitakt oder sogar Viertakt und eine ungenügend gesenkte Kruppe, die die gewünschte Hankenbeugung vermissen lässt.

Wozu Versammlung?

Grundsätzlich ist die Versammlung keine dressurspezifische Anforderung, sondern trainiert und festigt den Trageapparat des Pferdes,

Die höchste Versammlung, wie sie Ulla Salzgebers Rusty in der Pirouette demonstriert ist keine Pflicht für das Reitpferd, das nur lernen muss, den Reiter ausbalanciert zu tragen.

Vollendete Versammlung ist ein Prozess jahrelanger Gymnastisierung und trainierten Muskelwachstums, der dem Pferd sicheres Gleichgewicht in der Bewegung mit dem Reitergewicht und eine kraftvolle, muskulöse Erscheinungsform verleiht. Es reagiert weich, elastisch und willig auf jede reiterliche Hilfe. Diesem Ziel gehen teilweise ineinander übergreifende Ausbildungsabsclmitte voraus:

- Erziehung zur Losgelassenheit, psychische und physische Entspannung

- Gymnastisierung zu Durchlässigkeit und Anlehnung

- Festigung von Takt und Schwung des Gangs zur besseren Balance

- Ausschalten der natürlichen Schiefe, Geraderichtung und Längsbiegung der Wirbelsäule

- Ausformung der Kopf-Hals-Partie in Aufrichtung und Beizäumung, die sich aus der Hankenbeugung ergeben.

Versammlung ohne Zügelzug

Aktive, durch Zügelhilfen forcierte Aufrichtung ist immer problematisch: Bei ungenügend vortreibenden Hilfen führt sie zum Wegdrücken des Rückens. Nur über die Hand scheinbar versammelte Pferde zeigen häufig „Erkennungsmerkmale“:

- Bei eher inaktiver Hinterhand strampelt die Vorhand mit enormer Aktion.

- der höchste Punkt ist nicht das Genick, sondern einige Zentimeter weiter hinten

- das Pferd geht hinter dem Zügel

- es zeigt Anzeichen von Verspannung, etwa Knirschen auf dem Gebiss, ständiges Schweifschlagen, einen festen Rücken.

Umgekehrt können Pferde versammelt sein, obwohl ihre Nasenlinie weit vor der Senkrechten liegt oder sie kaum aufgerichtet erscheinen.

Takt — Anlehnung — Schwung — Geraderichtung — Versammlung basiert auf

Steinbrechts Forderung „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!“ Bei der Selbsthaltung geht es nicht darum, sein Pferd ohne Einwirkung mit langem Hals einfach laufen zu lassen.

AUSBILDUNG

Pferdes für die Aufnahme des Reitergewichtes, so dass auf Dauer keine Schäden auftreten. Versammlung darf nur allmählich abhängig von den Ausbildungsstufe trainiert und gymnastisiert werden. Der wesentliche Aspekt der Versammlung besteht darin, das Pferd durch Kreuz- und Schenkelhilfen zu veranlassen, mit unter- gesetzten, in den Hanken gebeugten Hintergliedmaßen vermehrt das Reitergewicht aufzunehmen und so ausbalanciert mit dem Reiter in Einklang zu kommen. Der aus dem Krafthebel der Hinterhand nach vorwärts-aufwärts erzeugte Schub wird durch behutsame Zügelhilfen eingefangen, so dass im Trageaapparat des Pferdes, vom Maul über die Wirbelsäule bis in die Hinterbeine, ein durchlaufender, elastischer Spannungsbogen entsteht, auf dessen federnder Brücke zwischen Vor- und Hinterhand der Reiter harmonisch im Bewegungsrhythmus mitschwingt.

Ohne Versammlung geht es nicht

Der entscheidende Faktor bei der gesamten Ausbildung des Reitpferdes ist die Balance von Pferd und Reiter. Und das gilt für alle Disziplinen. Dazu muss das Pferd nicht am Zügel gehen, sondern in angemessenem Tempo, fleißig aber ohne Eile laufen. Das Treiben dient dazu, die Hinterbeine unter den Schwerpunkt des Pferdes zu bekommen und so eine vermehrte Lastaufnahme der Hinter hand zu erreichen. Das bedeutet keine Versammlung, wie sie nach FEI-Richtlinien ab Klasse L gefordert wird, sondern dient der Gleichgewichtsfindung mit dem durch das Reitergewicht veränderten Schwerpunkt. Viele Reiter denken bei Versammlung leider an ein Zusammenziehen des Pferdes, machen es durch die starke Handeinwirkung langsam und bringen es so eher aus der Balance, statt diese zu fördern.

Christoph Hess, Ausbildungsleiter FN


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